Abendländisches Lied

Georg Trakl

1914

O der Seele nächtlicher Flügelschlag: Hirten gingen wir einst an dämmernden Wäldern hin Und es folgte das rote Wild, die grüne Blume und der lallende Quell Demutsvoll. O, der uralte Ton des Heimchens, Blut blühend am Opferstein Und der Schrei des einsamen Vogels über der grünen Stille des Teichs.

O, ihr Krenzzüge und glühenden Martern Des Fleisches, Fallen purpurner Früchte Im Abendgarten, wo vor Zeiten die frommen Jünger gegangen, Kriegsleute nun, erwachend aus Wunden und Sternenträumen. O, das sanfte Zyanenbündel der Nacht.

O, ihr Zeiten der Stille und goldener Herbste, Da wir friedliche Mönche die purpurne Traube gekeltert; Und rings erglänzten Hügel und Wald. O, ihrJagden und Schlösser; Ruh des Abends, Da in seiner Kammer der Mensch Gerechtes sann, In stummem Gebet um Gottes lebendiges Haupt rang.

O, die bittere Stunde des Untergangs, Da wir ein steinernes Antlitz in schwarzen Wassern beschaun. Aber strahlend heben die silbernen Lider die Liebenden: Ein Geschlecht. Weihrauch strömt von rosigen Kissen Und der süße Gesang der Auferstandenen.

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Illustration zu Abendländisches Lied

Interpretation

Das Gedicht "Abendländisches Lied" von Georg Trakl beschreibt eine Reise durch die Zeit und die menschliche Seele. Es beginnt mit einer nostalgischen Erinnerung an eine einfache, naturverbundene Vergangenheit, in der Hirten durch dämmernde Wälder wanderten und von Tieren und Pflanzen begleitet wurden. Diese Idylle wird durch Bilder von Opfern und Einsamkeit getrübt, die auf eine tiefere, dunklere Seite der menschlichen Existenz hinweisen. Der zweite Teil des Gedichts wechselt zu einer düsteren Gegenwart, in der einst fromme Jünger durch kriegsversehrte Männer ersetzt wurden. Die Bilder von purpurnen Früchten und dem Abendgarten erwecken den Eindruck einer vergangenen Unschuld, die nun durch Gewalt und Schmerz ersetzt wurde. Die Nacht wird als sanftes Bündel beschrieben, was auf eine gewisse Geborgenheit in der Dunkelheit hindeutet. Im dritten Teil des Gedichts kehrt Trakl zu einer friedlichen Vergangenheit zurück, in der Mönche Trauben kelterten und die Natur in goldenen Farben erstrahlte. Diese Idylle wird jedoch durch die Erinnerung an eine "bittere Stunde des Untergangs" unterbrochen, in der die Menschen ein steinernes Antlitz in schwarzen Wassern erblicken. Der letzte Teil des Gedichts endet jedoch mit einem Hoffnungsschimmer, als die Liebenden erwachen und Weihrauch von rosigen Kissen strömt. Der Gesang der Auferstandenen deutet auf eine mögliche Erlösung oder Auferstehung hin, die den Schmerz und die Dunkelheit der Vergangenheit überwinden kann.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Da wir friedliche Mönche die purpurne Traube gekeltert
Bildsprache
strahlend heben die silbernen Lider die Liebenden
Hyperbel
Kriegsleute nun, erwachend aus Wunden und Sternenträumen
Kontrast
O, die bittere Stunde des Untergangs, / Da wir ein steinernes Antlitz in schwarzen Wassern beschaun
Metapher
um Gottes lebendiges Haupt rang
Personifikation
da in seiner Kammer der Mensch Gerechtes sann
Symbolik
Weihrauch strömt von rosigen Kissen