Abendgesang
1919Wandre, Seele, nimm dir zum Geleit Wind und Wolke, morgen bist du weit.
Frühe schimmert; Dämmrung schwindet ganz, Dunst wird Bläue, Nebel wird zum Glanz.
Äther flutet flimmernd wie ein Meer: Bist du jung? Bist du von alters her?
Sieh, die schwarzen Tannen stehen dicht! Gipfel tauchen aus der fernsten Sicht.
Aus der Ebne, zwischen reifer Saat, Blitzt ein Fluss herauf wie Silberdraht.
Kommt ein Dunkel, greift dir Sturm ins Haar, Jagt Gewölk wie eine Flüchtlingsschar -
Streift dich Steingerölle, das da fiel: Bist verirrt und findest doch dein Ziel.
Über Abend wird der Sturm gelind: Schlafe, schlafe nur im offnen Wind!
Liegst so in der sternenreichen Nacht, Leuchtest wie ein Bergsee aus dem Schacht.
Wandre, Seele, nimm dir zum Geleit Wind und Wolke, morgen bist du weit.
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Interpretation
Das Gedicht "Abendgesang" von Hedwig Lachmann ist eine lyrische Reise durch den Tag und die Nacht, die die Seele auf ihrem Weg begleitet. Es beginnt mit einem Aufruf an die Seele, sich von Wind und Wolke leiten zu lassen, da sie am nächsten Tag weit wandern wird. Die Stimmung ist von einer gewissen Melancholie geprägt, aber auch von der Hoffnung auf Neues. Die zweite Strophe beschreibt den Übergang von der Dämmerung zum Morgen, wobei Dunst und Nebel sich in Blau und Glanz verwandeln. Die Frage nach dem Alter der Seele deutet auf die Ungewissheit des Lebens und die Vergänglichkeit der Zeit hin. Die dritte Strophe malt ein Bild der Landschaft mit schwarzen Tannen und einem Fluss, der wie Silberdraht durch die Felder fließt. Die Natur wird als ständiger Begleiter der Seele dargestellt. Die vierte Strophe thematisiert die Herausforderungen und Widrigkeiten, denen die Seele begegnen kann, wie Dunkelheit, Sturm und Steingerölle. Trotzdem findet die Seele ihr Ziel, was auf eine gewisse Resilienz und Ausdauer hindeutet. Die fünfte Strophe beschreibt den Abend und die Nacht, in der die Seele im offenen Wind schlafen und im Sternenlicht leuchten kann. Das Gedicht endet mit einem erneuten Aufruf an die Seele, sich von Wind und Wolke leiten zu lassen, da sie am nächsten Tag weit wandern wird.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Schlafe, schlafe nur im offnen Wind
- Anapher
- Wandre, Seele, nimm dir zum Geleit
- Metapher
- Dunst wird Bläue, Nebel wird zum Glanz
- Parallelismus
- Bist du jung? Bist du von alters her?
- Personifikation
- Jagt Gewölk wie eine Flüchtlingsschar
- Symbolik
- Liegst so in der sternenreichen Nacht, Leuchtest wie ein Bergsee aus dem Schacht
- Vergleich
- Blitzt ein Fluss herauf wie Silberdraht