Abendgebet und Traum

Elisabeth Kulmann

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Wir haben viel gelitten Den Tag hindurch, o Gott! Man mahnte uns an Schulden, Und, ach! uns fehlte Brot.

Leid schwäche die Ergüsse Des Dankgefühles nicht, Leid ist des Lebens Schatten, Erhöht der Freude Licht.

Gern will ich es ertragen, Es sei auch noch so schwer: Wär′ Leiden mir nicht nöthig, Du schicktest mir′s nicht, Herr!

Und jetzt, von dir gesendet, Kommt Schlaf, und stillt den Schmerz: Der Tag sei noch so stürmisch, Schlaf lullt in Ruh′ das Herz.

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Komm, komm, durchgehn die Gegend Wir beide Hand in Hand! Vor allem nahn wir jener Anmuth′gen Felsenwand.

Sie selbst ist ein Gemische Von Marmor aller Art, Das zu verschönern Blüthen Und Früchte sich gepaart.

Hier reift die Fülle Beeren Im warmen Sonnenschein, Pflück′ diese blaue Traube, Sie selbst lädt ja dich ein.

Nach Herzenslust genieße Von dieser Bäume Frucht, Sie beugen sich ja unter Der Früchtenmenge Wucht,

Und nun Begier nach Speise Nach Wunsche du gestillt, Lab′ auch das Aug′ und schaue Dies Paradiesgefild!

Sieh! wie sich stufenweise Die Felsenwand erhebt, Wie Berge hinter Bergen Die klarste Luft umschwebt!

In zartes Grün gekleidet Sehn die uns nächsten wir, Die ferneren und höhern Erscheinen wie Saphir.

Hoch hinter ihnen thürmen Noch höhre sich empor; Und scheinen eine Treppe, Die führt zum Himmelsthor.

Sie sind in Schnee verhüllet, Auf dem der Sonne Licht Sich in den holdsten Farben Des Regenbogens bricht.

Und nun wir alle Höhen Erblickt in ihrer Pracht, Laß uns hinunterschweben Zu jener Grotte Nacht!

Befürchte nichts, vertraue Auf meiner Schwingen Kraft! Du wirst dort sehn, wie Allmacht Mit Mutterliebe schafft.

Hier riß ein Erdebeben Den harten Fels entzwei, Und formte diese Grotte, Nichts kommt an Pracht ihr bei.

Sieh all′ die Wasserfälle, Die, Goldtapeten gleich, Der hohen Deck′ entschwebend, Sich sammeln hier zum Teich.

Bewundere die Fülle Von Früchten aller Art, Die stets sich hier erneuern So wunderschön und zart,

Wie wir umsonst sie suchten An jedem andern Ort: So sprossen Edens Früchte Auf Gottes Schöpfungswort.

Nimm jene Prachtgranate, Flicht einen Blumenstrauß. Und bring′ von deiner Reise Der Mutter sie nach Haus!

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Illustration zu Abendgebet und Traum

Interpretation

Das Gedicht "Abendgebet und Traum" von Elisabeth Kulmann beschreibt einen inneren Weg von der Not und dem Leid des Tages zu einer träumerischen, paradiesischen Landschaft. Es beginnt mit einem Gebet, das die Härten des Alltags anerkennt, aber auch die Hoffnung auf Trost durch Gott ausdrückt. Der Schlaf wird als göttliches Geschenk dargestellt, das das Herz beruhigt. Im Traum folgt der lyrische Ich dem Engel, erkundet eine üppige, fruchtbare Landschaft mit einer Felsenwand, die von Marmor und bunten Blumen durchsetzt ist. Es gibt Beeren, Trauben und andere Früchte in Fülle, die zum Genießen einladen. Die Landschaft steigt in Stufen an, mit grünen Hügeln, blauen Bergen und schneebedeckten Gipfeln, die wie eine Treppe zum Himmelstor wirken. Das Licht der Sonne bricht sich in Regenbogenfarben. Schließlich gelangt der Träumende in eine Grotte, die durch ein Erdbeben geformt wurde. Hier gibt es Wasserfälle, die sich zu einem Teich sammeln, und eine Fülle von Früchten, die an das Paradies Eden erinnern. Der Engel ermutigt den Träumenden, eine Granate zu pflücken und einen Blumenstrauß zu flechten, um sie als Geschenk von der Reise mit nach Hause zu bringen. Die Grotte wird als ein Ort dargestellt, an dem die Allmacht mit mütterlicher Liebe schafft.

Schlüsselwörter

tag leid licht kommt schlaf komm hand felsenwand

Wortwolke

Wortwolke zu Abendgebet und Traum

Stilmittel

Alliteration
Prachtgranate
Apostrophe
O Gott!
Bildsprache
Die Felsenwand ist ein Gemische Von Marmor aller Art
Hyperbel
Nichts kommt an Pracht ihr bei
Kontrast
Leid schwäche die Ergüsse Des Dankgefühles nicht
Metapher
Auf Gottes Schöpfungswort
Personifikation
Die uns nächsten wir
Symbolik
Himmelsthor
Synästhesie
Lab' auch das Aug'
Vergleich
Wie Berge hinter Bergen