Abendgang

Adolf Friedrich Graf von Schack

1897

In der Schlucht beim Abenddämmern Schreit′ ich durch den düstern Wald. Stille ringsum in den Zweigen; Nur daß leise durch das Schweigen Von den fernen Eisenhämmern An mein Ohr ein Pochen schallt.

Und auf viel verschlungnen Wegen Des Gedankens irrt mein Geist, Sinnt dem Rätsel nach, dem alten, Welcher Macht geheimes Walten Finstern Zielen uns entgegen Durch Geburt und Sterben reißt.

O der Mensch mit seinem Wollen, Wie er ringt und wie er strebt! Seine Wünsche unermessen; Dann zu ewigem Vergessen Ruht er unter kalten Schollen, Gleich als hätt′ er nie gelebt!

Und die Seele fühl′ ich schwanken Unter schwerer Zweifel Wucht; Wieder aus der Felsenenge Winden sich ans Licht die Gänge; Doch, o Abgrund der Gedanken, Führt ein Pfad aus Schlucht?

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Illustration zu Abendgang

Interpretation

Das Gedicht "Abendgang" von Adolf Friedrich Graf von Schack handelt von einem Spaziergang durch einen düsteren Wald bei Abenddämmerung, bei dem der Sprecher über die Rätsel des Lebens und die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins nachsinnt. Die Atmosphäre ist von Stille und Einsamkeit geprägt, unterbrochen nur vom fernen Pochen der Eisenhämmer. Der zweite Teil des Gedichts beschäftigt sich mit dem Gedanken an die unermesslichen Wünsche und Bestrebungen des Menschen, die letztlich in ewigem Vergessen enden. Der Sprecher reflektiert über die Vergänglichkeit des Lebens und die Frage, ob es einen Ausweg aus den Tiefen der Gedanken und der Ungewissheit gibt. Im letzten Teil des Gedichts wird die Seele des Sprechers als schwankend unter der Last des Zweifels beschrieben. Die Gänge der Gedanken winden sich aus der Felsenenge ans Licht, doch bleibt die Frage offen, ob es einen Pfad aus der Schlucht der Abgründe der Gedanken gibt. Das Gedicht endet mit einer unbeantworteten Frage, die die Unsicherheit und das Rätsel des menschlichen Daseins unterstreicht.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Bildsprache
Winden sich ans Licht die Gänge
Kontrast
Dann zu ewigem Vergessen / Ruht er unter kalten Schollen, / Gleich als hätt′ er nie gelebt!
Personifikation
Stille ringsum in den Zweigen
Rhetorische Frage
Führt ein Pfad aus Schlucht?