Abendfeier

Hanns von Gumppenberg

1866

Im Abendgoldbrand Lohen die Fenster, Brennen die Giebel, Glühen die Wolken, Wundergleich…

Was scheidest du so feierlich, Sinkende Sonne? Von unsern schlichten Tagen Ein schlichtester ging hin - Was ist geschehn, Was hast du vollbracht, Daß ein Fanal du zündest, Wie’s ungeheurer Tat, Wie’s Götterfesten ziemt?

“Millionen Wesen weckt’ ich Aus allen Erdenfugen Heute zu Leben und Licht - Millionen Müde streckt’ ich, Weil sie mich nimmer ertrugen, Nieder zum letzten Verzicht! Unzählige, die ich geschaffen, Führt’ ich in Kränzen und Waffen Heute zur höchsten Lust - Unzählige, die mir nicht minder Liebe und würdige Kinder, Hab’ ich mit hundert Qualen Heut’ martern gemußt..

Der Tag war groß und schwer: Und groß und hehr Soll er Verstrahlen!”

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Illustration zu Abendfeier

Interpretation

Das Gedicht "Abendfeier" von Hanns von Gumppenberg beschreibt die untergehende Sonne als eine feierliche und würdevolle Erscheinung am Abendhimmel. Die ersten Strophen malen ein eindrucksvolles Bild von den brennenden Fenstern, glühenden Wolken und dem wunderbaren Schauspiel des Sonnenuntergangs. Die Sonne wird als eine sinkende, aber dennoch feierliche Gestalt dargestellt, die von den "schlichten Tagen" Abschied nimmt. In der zweiten Strophe richtet der lyrische Sprecher direkte Fragen an die untergehende Sonne. Er fragt, was sie so feierlich scheiden lässt und was an diesem Tag geschehen ist, dass sie ein Fanal wie bei einer ungeheuren Tat oder einem Götterfest entzündet. Die Fragen deuten auf eine tiefere Bedeutung des Sonnenuntergangs hin, die über das bloße Naturschauspiel hinausgeht. Die dritte Strophe enthält die Antwort der Sonne, die von einer Stimme gesprochen wird. Die Sonne berichtet von ihrer täglichen Arbeit, Millionen von Wesen zu wecken und zum Leben zu erwecken. Sie hat aber auch die Müden zur Ruhe gebracht und unzählige Geschöpfe durch Qualen und Leiden gehen lassen. Der Tag wird als groß und schwer beschrieben, aber auch als würdig, in einem feierlichen Strahlen zu verglühen. Die Sonne versteht ihre Aufgabe als eine Art Schicksalsgöttin, die Leben und Tod, Freude und Leid in die Welt bringt.

Schlüsselwörter

millionen heute unzählige groß abendgoldbrand lohen fenster brennen

Wortwolke

Wortwolke zu Abendfeier

Stilmittel

Alliteration
Millionen Müde streckt' ich
Anapher
Millionen Wesen weckt' ich / Millionen Müde streckt' ich
Epiphora
Heut' martern gemußt
Hyperbel
Millionen Wesen weckt' ich / Aus allen Erdenfugen
Metapher
Im Abendgoldbrand / Lohen die Fenster, / Brennen die Giebel, / Glühen die Wolken
Parallelismus
Unzählige, die ich geschaffen, / Führte ich in Kränzen und Waffen / Heute zur höchsten Lust - / Unzählige, die mir nicht minder / Liebe und würdige Kinder, / Hab' ich mit hundert Qualen / Heut' martern gemußt
Personifikation
Was scheidest du so feierlich, / Sinkende Sonne?
Rhetorische Frage
Was ist geschehn, / Was hast du vollbracht, / Daß ein Fanal du zündest
Vergleich
Wundergleich