Abendempfindung

Adolf Friedrich Graf von Schack

1815

Wie süß im dämmerhellen Walde, Wenn Harzduft von den Bäumen trieft, Zu ruhen an der Bergeshalde, In alter Sänger Lied vertieft!

Rings Stille, daß vom Lärm der Erde Kaum einen Ton dein Ohr vernimmt, Als das Geläut der Ziegenherde, Die einsam an der Halde klimmt.

Und, wie dich aus den alten Rollen Der Hauch vergangner Zeit umquillt, Versinkt das Heut mit seinem Wollen Und Thun dir wie ein Schattenbild.

Ist diese Luft, die mir mit leisen Windhauchen um die Schläfe spielt, Nicht noch dieselbe, die den Weisen Chaldäas einst die Stirn gekühlt?

Sah dem verglüh′nden Sonnengolde Im Westen dort nicht so wie du An ihres Tristans Arm Isolde Vom Waldesrande träumend zu?

Unsterblich, wie vor tausend Jahren, Blühn noch die Fluren, grünt das Laub, Und die Geschlechter, welche waren, Sie wären Asche nur und Staub?

Nein! in dem Werden und Entfalten Zieht immer das Gewes′ne nur Durch alle Formen und Gestalten Der rastlos kreisenden Natur.

Nicht anders lebst du selbst als jene, Die vor Jahrtausenden gelebt; Alt, wie die Erde, ist die Thräne, Die eben dir am Auge bebt.

Du denkst es; schon am Waldessaume Erlosch die Glut des Abendscheins; Es dunkelt, und du wirst im Traume, Mit allen, die gewesen, eins.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Abendempfindung

Interpretation

Das Gedicht "Abendempfindung" von Adolf Friedrich Graf von Schack ist ein lyrisches Werk, das die Vergänglichkeit der Zeit und die ewige Natur des Lebens thematisiert. Der Sprecher befindet sich in einem Wald und lauscht den Klängen der Natur, während er in ein altes Lied vertieft ist. Die Stille und der Duft der Bäume schaffen eine meditative Atmosphäre, in der der Sprecher über die Vergangenheit und die Gegenwart nachdenkt. Die zweite Strophe führt das Thema der Vergänglichkeit weiter aus. Der Sprecher reflektiert über die Vergangenheit und wie sie in der Gegenwart weiterlebt. Er fragt sich, ob die Luft, die er atmet, dieselbe ist, die einst die Stirn eines Weisen gekühlt hat. Diese Überlegungen führen zu der Erkenntnis, dass die Natur und das Leben ewig sind, während die Menschen kommen und gehen. In der dritten Strophe wird die Idee der ewigen Natur des Lebens weiter vertieft. Der Sprecher fragt sich, ob die Blumen und Bäume, die er sieht, dieselben sind, die vor tausend Jahren geblüht haben. Er kommt zu dem Schluss, dass die Natur in einem ständigen Wandel begriffen ist, aber dass das Wesen des Lebens unverändert bleibt. Der Sprecher selbst ist Teil dieses ewigen Kreislaufs und seine Träne ist so alt wie die Erde. Am Ende des Gedichts wird der Sprecher eins mit der Natur und der Vergangenheit, während die Glut des Abendscheins erlischt und die Dunkelheit einsetzt.

Schlüsselwörter

erde süß dämmerhellen walde harzduft bäumen trieft ruhen

Wortwolke

Wortwolke zu Abendempfindung

Stilmittel

Metapher
Mit allen, die gewesen, eins
Personifikation
Wenn Harzduft von den Bäumen trieft