Abenddämmerung

Charles-Pierre Baudelaire

1821

Sieh, des Verbrechers Freund, der holde Abend, naht Mit leisem Raubtierschritt, der Helfer bei der Tat; Der Himmel schliesst nun sacht des schweren Vorhangs Falten, Zu Tieren wandeln sich die menschlichen Gestalten.

O Abend lieb und hold, wie heiss wirst du ersehnt Von einem, der mit Lust die müden Arme dehnt Und ohne Lügen spricht: Der Tag war voller Lasten! – Du bist′s, der Schmerzen stillt und Ruhe gibt und Rasten Dem Denker, der voll Trotz die müde Stirne hält Dem Arbeitsmann, der dumpf hin auf sein Lager fällt.

Indes erhebt sich schwer der bösen Geister Meute, Sie flattern durch die Luft wie vielgeschäftige Leute, Sie poltern an die Tür, sie stossen an das Dach. Und wo ein Lichtschein wird im Windstoss flackernd wach, Da lebt die Unzucht auf in dumpfer Gassen Enge; Gleich dem Ameisenhauf öffnet sie Gäng′ um Gänge; Sie bahnt geheimen Weg allüberall und gleicht Dem Feind im Hinterhalt, der tückisch uns umschleicht;

Im Schoss der Stadt rührt sie den Unrat, der sie mehrt, Ein Wurm, der von der Kraft des Menschen lebt und zehrt. Jetzt hört man′s da und dort in Küchen leise zischen, Theater kreischen auf, Orchester brummt dazwischen; Die Säle, drin das Spiel Rausch gibt den schlaffen Hirnen, Sie füllen sich nun rasch mit Gaunern und mit Dirnen; Die Diebe, denen nie das Handwerk Ruhe lässt, Beginnen ihr Geschäft, bezwingen sanft und fest Die Türen und den Schrein um ein paar Tage Leben Und, um der Freundin Gold und seidnen Tand zu geben.

Jetzt sammle dich, mein Sinn, und richte dich empor, In diesem Augenblick verschliess dem Lärm dein Ohr. Die Stunde ist′s, da Gram und Schmerzen sich verschlimmern, Da uns die finstre Nacht die Kehle würgt, und Wimmern Die Hospitale füllt, da still der Kranken Heer Zum grossen Abgrund wallt. – Ja, mancher kommt nie mehr Und isst die Suppe still und träumt und blickt ins Feuer Ganz nah beim Herd und nah der Seele, die ihm teuer.

Und viele kannten nie die Süssigkeit, die schwebt Um einen Platz am Herd, und haben nie gelebt!

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Illustration zu Abenddämmerung

Interpretation

Das Gedicht "Abenddämmerung" von Charles-Pierre Baudelaire beschreibt den Übergang vom Tag zur Nacht und die damit verbundenen Veränderungen in der Gesellschaft und im menschlichen Verhalten. Der Abend wird als ein Verbrecherfreund und Helfer bei der Tat personifiziert, der mit leisem Raubtierschritt naht. Der Himmel schließt sich wie ein Vorhang, und die Menschen verwandeln sich in Tiere. Der zweite Teil des Gedichts konzentriert sich auf die Sehnsucht nach dem Abend, besonders bei denjenigen, die einen anstrengenden Tag hinter sich haben. Der Abend wird als ein Trostspender und Ruhebringer für den Denker und den müden Arbeiter beschrieben. Doch während die Menschen sich auf die Nacht vorbereiten, erwacht das Böse in Form einer Meute von Geistern. Diese Geister flattern durch die Luft und verursachen Unruhe, indem sie an Türen und Dächer stoßen. Die Unzucht erwacht in den engen Gassen, und die Stadt wird von einem Wurm durchdrungen, der von der Kraft der Menschen lebt. Der dritte Teil des Gedichts beschreibt die Aktivitäten der Diebe und Verbrecher, die in der Nacht ihr Handwerk ausüben. Sie beginnen ihr Geschäft, indem sie sanft und fest Türen und Schränke öffnen, um sich ein paar Tage Leben zu erkaufen und ihrer Geliebten Gold und seidene Kleidung zu schenken. Der letzte Teil des Gedichts ruft den Sinn des Lesers dazu auf, sich zu sammeln und sich von dem Lärm abzuschotten. Die Nacht bringt Schmerz und Leid, und die Krankenhäuser füllen sich mit den Klagen der Kranken. Viele Menschen kommen nie wieder zurück und verbringen ihre letzten Momente in der Nähe des Herdes, in der Gesellschaft ihrer Liebsten. Das Gedicht endet mit dem Hinweis darauf, dass viele Menschen die Süße eines Platzes am Herd nie erfahren haben und nie gelebt haben.

Schlüsselwörter

nie abend schmerzen ruhe gibt lebt still nah

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Theater kreischen auf, Orchester brummt dazwischen
Metapher
Um einen Platz am Herd, und haben nie gelebt
Personifikation
Die Diebe, denen nie das Handwerk Ruhe lässt
Vergleich
Gleich dem Ameisenhauf öffnet sie Gäng' um Gänge