Abenddämmerung

Adolf Friedrich Graf von Schack

1815

Sei willkommen, Zwielichtstunde! Dich vor allen lieb′ ich längst, Die du, lindernd jede Wunde, Unsre Seele mild umfängst.

Hin durch deine Dämmerhelle In den Lüften, abendfeucht, Schweben Bilder, die der grelle Schein des lauten Tags gescheucht.

Träume und Erinnerungen Nahen aus der Kinderzeit, Flüstern mit den Geisterzungen Von vergangner Seligkeit.

Und zu Jugendlustgenossen Kehren wir ins Vaterhaus; Arme, die uns einst umschlossen, Breiten neu sich nach uns aus.

Nach dem Trennungsschmerz, dem langen, Dürfen wir noch einmal nun Denen, die dahingegangen, Am geliebten Herzen ruhn,

Und, indes zum Augenlide Sanft der Schlummer niederrinnt, Sinkt auf uns ein sel′ger Friede Aus dem Land, wo jene sind.

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Illustration zu Abenddämmerung

Interpretation

Das Gedicht "Abenddämmerung" von Adolf Friedrich Graf von Schack ist ein lyrisches Werk, das die Abenddämmerung als eine Zeit der Besinnung und der Sehnsucht nach vergangenen Zeiten beschreibt. Der Sprecher begrüßt die Zwielichtstunde, die er über alles andere liebt, da sie die Seele mild umfängt und jede Wunde lindert. Die Dämmerung wird als eine Zeit der Ruhe und des Friedens dargestellt, in der die Bilder und Träume der Vergangenheit wieder aufleben können. In der zweiten Strophe beschreibt der Sprecher, wie die Dämmerung eine Brücke zur Vergangenheit schlägt. Die Bilder, die durch das grelle Licht des Tages vertrieben wurden, kehren zurück und schweben durch die abendliche Luft. Träume und Erinnerungen aus der Kindheit kommen näher und flüstern von vergangener Seligkeit. Die Dämmerung wird als eine Zeit der Nostalgie und der Sehnsucht nach vergangenen Zeiten dargestellt. In der dritten Strophe beschreibt der Sprecher, wie die Dämmerung eine Verbindung zu den verstorbenen Liebsten herstellt. Die Arme, die uns einst umschlossen haben, breiten sich neu aus und wir können uns noch einmal an die Verstorbenen anschmiegen. Die Dämmerung wird als eine Zeit der Trauer und des Abschieds dargestellt, aber auch als eine Zeit der Hoffnung und des Trostes. Der Sprecher findet in der Dämmerung einen seligen Frieden, der aus dem Land kommt, wo die Verstorbenen sind.

Schlüsselwörter

willkommen zwielichtstunde allen lieb längst lindernd jede wunde

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Stilmittel

Anapher
Sei willkommen, Zwielichtstunde!
Metapher
Land, wo jene sind
Personifikation
die du, lindernd jede Wunde, unsre Seele mild umfängst