Abend

Andreas Gryphius

1650

Der schnelle Tag ist hin, die Nacht schwingt ihre Fahn Und führt die Sterne auf. Der Menschen müde Scharen Verlassen Feld und Werck; wo Thir und Vögel müde waren. Traur’t itzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit verthan!

Der Port naht mehr und mehr sich zu der Glider Kahn. Gleichwie dies Licht verfiel, so wird in wenig Jahren Ich, du und was man hat und was man sieht, hinfahren. Dies Leben kömmt mir vor als eine Renne-Bahn.

Laß höchster Gott mich doch nicht auff dem Lauffplatz gleiten, Laß mich nicht Ach, nicht Pracht, nicht Lust, nicht Angst verleiten, Dein ewig heller Glantz sey vor und neben mir!

Laß, wenn der müde Leib entschläft, die Seele wachen, Und wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen, So reiß mich aus dem Thal der Finsternis zu dir

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Illustration zu Abend

Interpretation

Das Gedicht "Abend" von Andreas Gryphius reflektiert über die Vergänglichkeit des Lebens und die flüchtige Natur der Zeit. Der Abend wird als Metapher für das Ende des Lebens verwendet, wobei der Tag als schnell vergangen beschrieben wird und die Nacht die Sterne bringt. Die müden Menschen und Tiere verlassen ihre Arbeit, und die Einsamkeit breitet sich aus. Die Zeit wird als verschwendet wahrgenommen, und das Leben wird mit einer Rennbahn verglichen, auf der alles vergeht. Gryphius betont die Vergänglichkeit menschlicher Errungenschaften und Freuden, indem er darauf hinweist, dass alles, was man hat und sieht, in wenigen Jahren vergehen wird. Er bittet Gott, ihn nicht auf dem Laufplatz des Lebens gleiten zu lassen, sondern ihn vor Versuchungen wie Klagen, Pracht, Lust und Angst zu bewahren. Er wünscht sich, dass Gottes ewiges Licht immer vor und neben ihm sei. Im letzten Teil des Gedichts bittet Gryphius Gott, die Seele wach zu erhalten, wenn der müde Körper schläft, und ihn aus dem Tal der Finsternis zu sich zu reißen, wenn der letzte Tag kommt. Dies zeigt seinen Wunsch nach Erlösung und ewigem Leben bei Gott, jenseits der Vergänglichkeit und Dunkelheit der irdischen Existenz.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Laß mich nicht Ach, nicht Pracht, nicht Lust, nicht Angst verleiten
Bildsprache
Laß, wenn der müde Leib entschläft, die Seele wachen
Kontrast
Laß mich nicht Ach, nicht Pracht, nicht Lust, nicht Angst verleiten
Metapher
Dies Leben kömmt mir vor als eine Renne-Bahn
Personifikation
Die Nacht schwingt ihre Fahn