Abend
1884Der Abend wechselt langsam die Gewänder, die ihm ein Rand von alten Bäumen hält; du schaust: und von dir scheiden sich die Länder, ein himmelfahrendes und eins, das fällt;
und lassen dich, zu keinem ganz gehörend, nicht ganz so dunkel wie das Haus, das schweigt, nicht ganz so sicher Ewiges beschwörend wie das, was Stern wird jede Nacht und steigt;
und lassen dir (unsäglich zu entwirrn) dein Leben, bang und riesenhaft und reifend, so daß es, bald begrenzt und bald begreifend, abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn.
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Interpretation
Das Gedicht "Abend" von Rainer Maria Rilke beschreibt den Übergang vom Tag zur Nacht als einen transformativen Prozess, der den Betrachter in einen Zustand der Zwischenheit versetzt. Der Abend wird personifiziert und als jemand dargestellt, der langsam seine Gewänder wechselt, gehalten von einem Rand aus alten Bäumen. Der Beobachter schaut zu und erlebt, wie sich die Welt in zwei Teile teilt - einer steigt zum Himmel auf, während der andere fällt. Rilke verdeutlicht die ambivalente Position des Beobachters, der weder vollständig dem Aufsteigenden noch dem Fallenden angehört. Er ist nicht so dunkel wie das schweigende Haus, aber auch nicht so sicher wie die Sterne, die jede Nacht aufgehen. Diese Zwischenstellung spiegelt sich auch im Leben des Beobachters wider, das als "bang und riesenhaft und reifend" beschrieben wird. Es ist ein Leben, das abwechselnd begrenzt und begreifend ist, das mal zu Stein und mal zu Gestirn in der Person des Betrachters wird. Das Gedicht vermittelt eine tiefgründige Reflexion über die menschliche Existenz und ihre Verwundbarkeit. Der Abend, als Metapher für den Übergang und die Veränderung, verdeutlicht die Vergänglichkeit des Lebens und die ständige Suche nach Bedeutung und Zugehörigkeit. Die Ambivalenz des Beobachters zwischen dem Aufsteigenden und dem Fallenden symbolisiert die menschliche Natur, die zwischen dem Streben nach dem Ewigen und der Konfrontation mit der Vergänglichkeit gefangen ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Gegenüberstellung
- ein himmelfahrendes und eins, das fällt
- Metapher
- so daß es, bald begrenzt und bald begreifend, abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn
- Personifikation
- Der Abend wechselt langsam die Gewänder, die ihm ein Rand von alten Bäumen hält