Abend
1862(nach einem alten Holzschnitt)
Lehnst an meine Schulter du Sanft dein Haupt mit Schweigen, Spiel ich dir ein altes Lied Auf der alten Geigen.
Und die Seele, mild gerührt Ob dem süßen Klingen, Fliegt zum hellen Abendrot Auf der Hoffnung Schwingen.
Und im Auge dir und mir Glänzt die stille Frage: Bleiben Lieb′ und Seligkeit Bei uns alle Tage?
Wenn die Rosen sind verblüht, Wenn die Saiten sprangen, Wird ob unserm Haupte dann So der Himmel prangen? -
Stumm noch lauschst du meinem Lied, Ob ich schon geendet; In die Weite traumeshell Ist dein Blick gewendet.
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Interpretation
Das Gedicht "Abend" von Otto Ernst thematisiert eine intime Begegnung zwischen zwei Menschen, die durch Musik und die Stimmung des Abends eine tiefe emotionale Verbindung eingehen. Der Sprecher lehnt sich an die Schulter des Gegenübers und spielt auf einer alten Geige ein Lied, das die Seele berührt und Hoffnung weckt. Die Atmosphäre ist von Ruhe und Zärtlichkeit geprägt, wobei das Abendrot als Symbol für die Hoffnung und das Fliegen der Seele auf "Hoffnung Schwingen" dient. Die stille Frage, die in den Augen des Sprechers und des Gegenübers glänzt, deutet auf die Unsicherheit und das Verlangen nach Beständigkeit in Liebe und Glück hin. Die Sorge, ob diese Gefühle und der Himmel über ihnen auch bestehen bleiben, wenn die Rosen verblüht und die Saiten gesprungen sind, spiegelt die Vergänglichkeit des Lebens und der Schönheit wider. Diese Frage bleibt unbeantwortet, was die tiefe menschliche Sehnsucht nach ewiger Liebe und Glückseligkeit unterstreicht. Das Gedicht endet mit dem Bild des Gegenübers, das noch immer dem Lied lauscht, obwohl es bereits beendet ist. Der traumhelle Blick, der in die Weite gerichtet ist, symbolisiert möglicherweise die Sehnsucht nach dem Unbekannten oder die Flucht in die Träume und Hoffnungen. Die Musik und die damit verbundenen Gefühle bleiben als bleibende Erinnerung zurück, selbst wenn die unmittelbare Erfahrung vorbei ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Wenn die Rosen sind verblüht, / Wenn die Saiten sprangen, / Wird ob unserm Haupte dann / So der Himmel prangen?
- Metapher
- Spiel ich dir ein altes Lied / Auf der alten Geigen.
- Personifikation
- Und die Seele, mild gerührt / Ob dem süßen Klingen, / Fliegt zum hellen Abendrot / Auf der Hoffnung Schwingen.
- Rhetorische Frage
- Bleiben Lieb' und Seligkeit / Bei uns alle Tage?
- Stilmittel
- Stumm noch lauschst du meinem Lied, / Ob ich schon geendet; / In die Weite traumeshell / Ist dein Blick gewendet.