Abend
1817Gestürzt sind die goldnen Brücken Und unten und oben so still! Es will mir nichts mehr glücken, Ich weiß nicht mehr, was ich will.
Von üppig blühenden Schmerzen Rauscht eine Wildnis im Grund, Da spielt wie in wahnsinnigen Scherzen Das Herz an dem schwindligen Schlund. -
Die Felsen möchte ich packen Vor Zorn und Wehe und Lust, Und unter den brechenden Zacken Begraben die wilde Brust.
Da kommt der Frühling gegangen, Wie ein Spielmann aus alter Zeit, Und singt von uraltem Verlangen So treu durch die Einsamkeit.
Und über mir Lerchenlieder Und unter mir Blumen bunt, So werf ich im Grase mich nieder Und weine aus Herzensgrund.
Da fühl ich ein tiefes Entzücken, Nun weiß ich wohl, was ich will, Es bauen sich andere Brücken, Das Herz wird auf einmal still.
Der Abend streut rosige Flocken, Verhüllet die Erde nun ganz, Und durch des Schlummernden Locken Ziehn Sterne den heiligen Kranz.
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Interpretation
Das Gedicht "Abend" von Joseph von Eichendorff schildert einen emotionalen Prozess, der sich im Verlauf des Abends vollzieht. Es beginnt mit einer Stimmung der Desorientierung und Verzweiflung, in der der Sprecher sich verloren und unfähig fühlt, seine Wünsche zu erkennen. Die "goldnen Brücken" symbolisieren dabei eine zerstörte Verbindung zur Welt oder zu sich selbst, während die "Wildnis im Grund" für innere Unruhe und Chaos steht. Im zweiten Teil des Gedichts wird diese Verzweiflung durch einen plötzlichen emotionalen Ausbruch gesteigert. Der Sprecher sehnt sich danach, die Felsen zu packen und sich unter den "brechenden Zacken" zu begraben, was auf eine Mischung aus Zorn, Schmerz und überwältigender Leidenschaft hindeutet. Diese Intensität wird jedoch durch das Erscheinen des Frühlings gemildert, der als "Spielmann" eine beruhigende und tröstende Wirkung entfaltet. Die Lerchenlieder und die bunte Blumenpracht unterstreichen die Schönheit und Hoffnung, die der Frühling mit sich bringt. Im letzten Teil des Gedichts findet der Sprecher schließlich Frieden und Klarheit. Die "anderen Brücken", die sich bauen, symbolisieren eine neue innere Ordnung und Ausgeglichenheit. Der Abend, der mit "rosigen Flocken" die Erde bedeckt, steht für einen Abschluss und eine Versöhnung. Die Sterne, die den "heiligen Kranz" ziehen, verleihen der Szene eine göttliche oder transzendente Dimension und runden das Gedicht mit einem Gefühl von Vollendung und Ruhe ab.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Von üppig blühenden Schmerzen Rauscht eine Wildnis im Grund
- Hyperbel
- Die Felsen möchte ich packen Vor Zorn und Wehe und Lust
- Kontrast
- Es will mir nichts mehr glücken, Ich weiß nicht mehr, was ich will
- Personifikation
- Da kommt der Frühling gegangen
- Symbolik
- Und durch des Schlummernden Locken Ziehn Sterne den heiligen Kranz