Abel und Kain
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Stamm Abels, schlafe, iss und trinke; Gott lächelt gnädig dir;
Stamm Kains, in Schmutz und Schlamm versinke, Verende wie ein Tier.
Stamm Abels, deines Opfers Spende Umkost die Engelein;
Stamm Kains, wann naht sich wohl das Ende, Das Ende deiner Pein ?
Stamm Abels, üppig deine Weide, Der Herde Schar gesund;
Stamm Kains, was heult dein Eingeweide Vor Hunger wie ein Hund?
Stamm Abels, wärme Leib und Seele Am heimischen Herd voll Ruh,
Stamm Kains, ein Schakal in der Höhle Vor Kälte zittre du!
Stamm Abels, deine Zahl vermehre, Dein Gold selbst hecke dir;
Stamm Kains, dem heissen Herzen wehre, Und hüte deine Gier.
Stamm Abels, gras auf allen Wegen, Den Raupen gleich an Zahl!
Stamm Kains, auf deinen wirren Wegen Lieg′ Kampf und Todesqual.
II
Stamm Abels, wenn du einst verendet, Dein Aas die Sonne frisst!
Stamm Kains, du hast noch nicht vollendet, Was deines Amtes ist;
Stamm Abels, deines Eisens Klinge Dem Wurfspiess ward zum Spott!
Stamm Kains, zum Himmel auf dich schwinge, Zur Erde schleudre Gott!
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Interpretation
Das Gedicht "Abel und Kain" von Charles-Pierre Baudelaire thematisiert die gegensätzlichen Schicksale der beiden biblischen Brüder. Der Sprecher richtet sich in abwechselnden Strophen an den Stamm Abels und den Stamm Kains, wobei er Abel als den bevorzugten und Kain als den verfluchten Bruder darstellt. In den ersten Strophen wird Abel als friedlicher, wohlgenährter und von Gott gesegneter Stamm beschrieben, der im Überfluss lebt und dessen Opfergaben die Engel erfreuen. Kain hingegen wird als leidender, hungernder und verzweifelter Stamm porträtiert, der in Schmutz und Kälte dahinsiecht und von Schmerzen geplagt wird. Der zweite Teil des Gedichts setzt diesen Kontrast fort. Abel wird als vergänglich und bedeutungslos dargestellt, dessen Leichnam von der Sonne verzehrt wird. Kain hingegen wird als noch nicht vollendeter Akteur gezeigt, der eine Aufgabe zu erfüllen hat. Der Sprecher fordert Kain auf, sich gegen Gott zu erheben und ihn zu besiegen, was als revolutionärer Akt gegen die göttliche Ordnung interpretiert werden kann. Baudelaires Gedicht kann als Kritik an der biblischen Erzählung und als Plädoyer für den Aufstand gegen eine als ungerecht empfundene göttliche Ordnung gelesen werden. Der Stamm Kains wird als revolutionäre Kraft dargestellt, die sich gegen die etablierte Ordnung auflehnt und den Status quo in Frage stellt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Verwendung von Alliterationen wie 'vollenden, was deines Amtes ist' und 'heißem Herzen wehre' verstärkt den Klang und die Wirkung der Verse.
- Anspielung
- Das Gedicht bezieht sich auf die biblische Geschichte von Kain und Abel, was den Lesern einen vertrauten Kontext bietet.
- Bildsprache
- Die lebendigen Bilder von 'Schmutz und Schlamm', 'heißem Herzen' und 'Kälte zittre du' schaffen eine starke visuelle und emotionale Wirkung.
- Hyperbel
- Die Aussage 'Dein Gold selbst hecke dir' übertreibt die Gier und den materiellen Fokus des Stammes Abels.
- Kontrast
- Die Gedicht kontrastiert die beiden Stämme Abels und Kains in fast jedem Vers, indem es ihre Lebensbedingungen und Schicksale gegenüberstellt.
- Metapher
- Die Verwendung von 'ein Schakal in der Höhle' als Metapher für die Verzweiflung und Isolation des Stammes Kains.
- Oxymoron
- Die Kombination von 'heißem Herzen' und 'wehre' erzeugt einen paradoxen Effekt, der die innere Zerrissenheit des Stammes Kains widerspiegelt.
- Parallelismus
- Die parallele Struktur in den Strophen, wo die Bedingungen von Abel und Kain gegenübergestellt werden, verstärkt den Kontrast.
- Personifikation
- Die Sonne, die das Aas des Stammes Abels frisst, wird personifiziert, um die Endgültigkeit und Grausamkeit des Todes zu betonen.
- Rhetorische Frage
- Die Frage 'Wann naht sich wohl das Ende, Das Ende deiner Pein?' regt den Leser zum Nachdenken über das Schicksal des Stammes Kains an.
- Symbolik
- Die Symbole des 'Herdes' für Wärme und Geborgenheit des Stammes Abels und der 'Höhle' für Isolation und Kälte des Stammes Kains.
- Wiederholung
- Die Wiederholung der Phrasen 'Stamm Abels' und 'Stamm Kains' am Anfang fast jeder Strophe betont die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen.