A la Gabriel Max

Wilhelm Arent

1885

O laß mich, laß mich, Du blasse Dirne, Du so heiß begehrtes, So schnöde verdammtes Kind der Sünde! Was soll das Lächeln, Da sinnverwirrende, Das den reizenden Kleinen schwellenden Mund Dir so lieblich umknospet? Was soll deiner großen Nachtschwarzen Kinderaugen Wehmüthige Räthselfrage, All’ die bachantische Glut, All’ das lustsatte Leid, Das dein müdes Gesichtchen Mir wechselnd kündet? Ich kann dich nicht retten Aus dem Pfuhl der Verderbniß, Du schöne Verlorene! … Nicht darf ich mehr bergen Dein süßes Lockenhaupt An meine starke Pochende Männerbrust, Nicht mehr mit zitternden Fingern Voll seliger Trunkenheit Wühlen in deinem Seidenhaar. Ich lieb’ eine Andere! … Wie du mich liebst Mit all’ der Stärke und Reine Und thaufrischen Frühlingsempfindung All’ der herzfüllenden Leidenschaft Der wahren Liebe! – – – Ach, nicht deiner Seele Holdes Geheimniß Suchte ich brünstig, Aug’ in Auge gesenkt Lippe hangend an Lippe In der Wollustumarmung Wildlodernder Küsse, Nur deines Leibes Jungfräulich herber Berauschender Dufthauch Trieb mich fiebernd In deine weichen Arme, Daß ich wild an mich preßte Deiner weißwogenden Brüste Schimmernde Fülle, Zu sättigen der Sinne Ewig rege Dämonen … Ich kann dich nicht retten … O fluche nicht dem Unseligen! Auch ich bin gebannt In sternlose Nacht Wie du; Unstät und flüchtig Muß ich weiter irren Durch pfadleere Wüste, Stumm weiterschleppen Die Qualenlast Nie gestillter Sehnsucht.

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Illustration zu A la Gabriel Max

Interpretation

Das Gedicht "A la Gabriel Max" von Wilhelm Arent ist ein tief emotionales Werk, das die innere Zerrissenheit des lyrischen Ichs thematisiert. Es beginnt mit einem Appell an ein "blasses Dirne", das sowohl begehrt als auch verdammt ist. Die intensive Beschreibung ihrer körperlichen Reize und ihres sinnlichen Lächelns kontrastiert scharf mit der Erkenntnis, dass das lyrische Ich sie nicht aus ihrem "Pfuhl der Verderbniß" retten kann. Die Sehnsucht nach körperlicher Nähe wird deutlich, doch gleichzeitig wird die Unmöglichkeit dieser Verbindung betont, da das lyrische Ich eine andere liebt. Die zweite Hälfte des Gedichts offenbart die tiefe Schuld und das Bedauern des lyrischen Ichs. Es gesteht, dass es nur den körperlichen Reiz des Mädchens gesucht hat, nicht ihre Seele oder wahre Liebe. Die leidenschaftlichen Beschreibungen der körperlichen Anziehung stehen im Widerspruch zur Erkenntnis, dass diese Beziehung oberflächlich und zerstörerisch war. Das lyrische Ich erkennt an, dass es das Mädchen nicht retten kann und bittet es, nicht über seine Untaten zu fluchen. Im letzten Abschnitt des Gedichts wird eine Parallele zwischen dem lyrischen Ich und dem Mädchen gezogen. Beide sind in "sternlose Nacht" gefangen und müssen unstet und flüchtig durch eine "pfadleere Wüste" irren. Die "Qualenlast nie gestillter Sehnsucht" symbolisiert das ewige Streben nach etwas, das unerreichbar bleibt. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der geteilten Verzweiflung und des unausweichlichen Schicksals, das beide Figuren teilen.

Schlüsselwörter

all laß soll kann retten mehr lippe blasse

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
schwellenden Mund
Anapher
O laß mich, laß mich
Hyperbel
Mit all' der Stärke und Reine
Kontrast
Lustsatte Leid
Metapher
Schöne Verlorene
Personifikation
Dämonen