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Im Frühling

Von

Hier lieg′ ich auf dem Frühlingshügel:
Die Wolke wird mein Flügel,
Ein Vogel fliegt mir voraus.
Ach, ag′ mir, alleinzige Liebe,
Wo du bleibst, daß ici bei dir bliebe!
Doch du und die Lüfte, ihr habt kein Haus.

Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüte offen,
Sehnend,
Sich dehnend
In Lieben und Hoffen.
Frühling, was bist du gewillt?
Wann werd′ ich gestillt?

Die Wolke seh′ ich wandeln und den Fluß,
Es dringt der Sonne goldner Kuß
Mir tief bis ins Geblüt hinein;
Die Augen, wunderbar berauschet,
Tun, als schliefen sie ein,
Nur noch das Ohr dem Ton der Biene lauschet.

Ich denke dies und denke das,
Ich sehne mich und weiß nicht recht, nach was:
Halb ist es Lust, halb ist es Klage;
Mein Herz, o sage,
Was webst du für Erinnerung
In golden grüner Zweige Dämmerung! –
Alte unnennbare Tage!

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Gedicht: Im Frühling von Eduard Mörike

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Im Frühling“ von Eduard Mörike ist eine lyrische Reflexion über die Sehnsucht, die mit dem Frühlingserwachen und dem Aufkeimen der Liebe einhergeht. Der Dichter nimmt die Perspektive eines Individuums ein, das in der Natur Ruhe und Inspiration sucht. Die ersten Strophen etablieren eine Atmosphäre der Leichtigkeit und des ungestillten Verlangens, wobei das lyrische Ich sich in der Natur verliert, aber gleichzeitig seine Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit zum Ausdruck bringt.

Die zweite Strophe veranschaulicht die offene, sich nach Wärme sehnende Natur des lyrischen Ichs, die einer Sonnenblume gleichgesetzt wird. Die erotische Konnotation ist hier unverkennbar. Die wiederholte Frage „Frühling, was bist du gewillt? / Wann werd′ ich gestillt?“ verdeutlicht die innere Unruhe und das Gefühl des Wartens, des Verlangens nach Erfüllung. Der Frühling dient hier als Metapher für die Liebe und das Streben nach Glück, das jedoch noch unerreichbar scheint. Die Sprache ist von einem lyrischen „Ich“ geprägt, das sich in der Natur nach der geliebten Person sehnt, welche ihm jedoch entzogen ist.

In der dritten Strophe verdichtet sich die Stimmung, indem die Sinneseindrücke intensiviert werden. Der goldene Kuss der Sonne dringt tief in das lyrische Ich ein, während die Augen sich dem Schlaf hingeben und das Ohr dem Summen der Biene lauscht. Diese sinnliche Wahrnehmung führt zu einem Zustand der Trance und des Eintauchens in die Natur, der jedoch durch die Ambivalenz von Lust und Klage getrübt wird. Die Zeilen deuten eine tiefere emotionale Unruhe an, die sich in der Sehnsucht nach unerreichbaren Erinnerungen und den „alten unnennbaren Tagen“ manifestiert.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Mörikes Gedicht eine subtile Balance zwischen Naturbetrachtung und subjektivem Erleben herstellt. Die Natur wird zur Projektionsfläche für die eigenen Gefühle und Sehnsüchte des lyrischen Ichs, wobei die Themen Liebe, Erinnerung und das Streben nach Glück zentral sind. Das Gedicht zeichnet sich durch seine bildreiche Sprache, die melodische Struktur und die Fähigkeit aus, die flüchtigen Emotionen der Frühlingsstimmung einzufangen und in eine tiefgründige Reflexion über das menschliche Dasein zu verwandeln.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.