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Elfenlied

Von

Bei Nacht im Dorf der Wächter rief:
„Elfe!“
Ein ganz kleines Elfchen im Walde schlief –
Wohl um die Elfe –
Und meint′, es rief′ ihm aus dem Tal
Bei seinem Namen die Nachtigall,
Oder Silpelit hätt′ ihm gerufen.
Reibt sich der Elf die Augen aus,
Begibt sich vor sein Schneckenhaus
Und ist als wie ein trunken Mann,
Sein Schläflein war nicht voll getan,
Und humpelt also tippe tapp
Durchs Haselholz ins Tal hinab,
Schlupft an der Mauer hin so dicht,
Da sitzt der Glühwurm, Licht an Licht.
„Was sind das helle Fensterlein?
Da drin wird eine Hochzeit sein:
Die Kleinen sitzen beim Mahle
Und treiben′s in dem Saale;
Da guck′ ich wohl ein wenig ′nein.“ –
Pfui, stößt den Kopf an harten Stein!
Elfe, gelt, du hast genug?
Guckuck! Guckuck!

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Gedicht: Elfenlied von Eduard Mörike

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Elfenlied“ von Eduard Mörike entfaltet in einer bezaubernden Weise eine kleine Nachtgeschichte, die von einem neugierigen Elf handelt, der von einem nächtlichen Ruf geweckt wird. Das Gedicht beginnt mit der Ankündigung eines Wächterrufs im Dorf, was den Ausgangspunkt für die folgende phantastische Szene bildet. Der Elf, noch benommen vom Schlaf, wird von einem Ruf geweckt, den er missdeutet. Er nimmt an, es handele sich entweder um den Gesang einer Nachtigall oder um den Ruf eines anderen Fabelwesens, was die Vermischung von Natur und Fantasie in dem Gedicht unterstreicht.

Die darauffolgende Beschreibung des Elfen ist besonders reizvoll. Er wird als kleines Wesen dargestellt, das sich noch verschlafen und taumelnd aus seinem „Schneckenhaus“ begibt. Mörikes Wortwahl und die sanften, aber klaren Bilder erzeugen eine Atmosphäre von kindlicher Unschuld und Neugierde, aber auch von Verwirrung. Das „Humpeln“ des Elfen durch das Haselholz und sein langsames Herantasten an die Mauer erzeugen eine besondere Spannung, die den Leser in die kindliche Sichtweise der Geschichte zieht.

Das Gedicht erreicht seinen Höhepunkt, als der Elf die Glühwürmchen entdeckt, die er für „helle Fensterlein“ hält und in denen er eine Hochzeit vermutet. Diese naive Interpretation der Realität offenbart seine kindliche Unbedarftheit. Der letzte Teil des Gedichts beinhaltet eine jähe Wendung. Der Elf stößt sich den Kopf an einem harten Stein, was ihn aus seiner Tagträumerei reißt und ihn mit der Realität konfrontiert. Die anschließenden Rufe des Kuckucks beenden das Gedicht abrupt und lassen den Leser mit einem Gefühl der Unvollständigkeit und des Erwachens zurück.

Die Stärke des Gedichts liegt in der subtilen Verwendung von Sprache und Bild, die eine Welt der Fantasie und des kindlichen Staunens erschafft. Mörikes „Elfenlied“ ist ein kleines Meisterwerk, das uns dazu einlädt, die Welt durch die Augen eines naiven Wesens zu betrachten und die Schönheit des Alltäglichen im Kontext des Fantastischen zu entdecken. Die Bedeutung des Gedichts liegt in der Darstellung der kindlichen Neugier und der gleichzeitigen Konfrontation mit den Grenzen der eigenen Wahrnehmung.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.