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Ein Stündlein wohl vor Tag

Von

Derweil ich schlafend lag,
ein Stündlein wohl vor Tag,
sang vor dem Fenster auf dem Baum
ein Schwälblein mir, ich hört′ es kaum –
ein Stündlein wohl vor Tag:

„Hör′ an was ich dir sag′!
Dein Schätzlein ich verklag′:
Derweil ich dieses singen tu′,
herzt er ein Lieb in guter Ruh′,
ein Stündlein wohl vor Tag.“

O weh! nicht weiter sag′!
O still! nichts hören mag.
Flieg′ ab, flieg′ ab von meinem Baum! –
Ach, Lieb′ und Treu′ ist wie ein Traum
ein Stündlein wohl vor Tag.

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Gedicht: Ein Stündlein wohl vor Tag von Eduard Mörike

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Ein Stündlein wohl vor Tag“ von Eduard Mörike ist ein schlichtes, aber tiefgründiges Liebesgedicht, das in seiner Kürze die Erfahrung von Untreue und den daraus resultierenden Schmerz verdichtet. Die wiederkehrende Zeile „Ein Stündlein wohl vor Tag“ dient als ein rhythmischer Anker, der die Melancholie und die frühe, düstere Stunde des Geschehens betont. Der Zeitpunkt vor Tagesanbruch verstärkt die Atmosphäre der Einsamkeit und des Verrats, da der Protagonist in seiner schlafenden Unwissenheit der Realität entgeht.

Das Schwälblein, als Bote der Unglücksbotschaft, übernimmt eine zentrale Rolle. Es verkörpert die Wahrheit, die der Protagonist zunächst nicht hören will. Die bildhafte Sprache, in der das Schwälblein die „Schätzelein verklagt“, deutet auf eine tiefe Verletzung hin. Die Ruhe und der Frieden, die der Liebhaber in den Armen einer anderen Frau genießt („herzt er ein Lieb in guter Ruh’“), kontrastieren scharf mit der wachsenden Verzweiflung des Erzählers. Diese Gegenüberstellung unterstreicht die Brutalität der Erkenntnis und die Zerstörung des Vertrauens.

Die Reaktion des Erzählers, der das Schwälblein bittet, nicht weiterzusprechen und von seinem Baum zu fliegen, offenbart die Verzweiflung und den Wunsch, die bittere Wahrheit nicht akzeptieren zu müssen. Der Ausruf „O weh!“ zeugt von der unmittelbaren Betroffenheit und dem Schmerz. Der letzte Vers „Ach, Lieb‘ und Treu‘ ist wie ein Traum“ fasst die Erkenntnis zusammen, dass Liebe und Treue in diesem Moment zerbrochen sind und sich als flüchtig und trügerisch erwiesen haben. Die Metapher des Traums unterstreicht die Vergänglichkeit und das Scheitern der romantischen Ideale.

Mörikes Gedicht ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Fähigkeit, tiefgreifende Emotionen und Erfahrungen in einer minimalistischen Form auszudrücken. Die einfache Sprache und die klare Struktur des Gedichts erzeugen eine unmittelbare Wirkung und lassen den Leser an der Erfahrung der Untreue und der daraus resultierenden Trauer teilhaben. Die Wiederholung der Zeile „Ein Stündlein wohl vor Tag“ verstärkt die Intensität der Gefühle und macht das Gedicht zu einer berührenden Reflexion über Liebe, Verlust und die Enttäuschung.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.