Alltag, Angst, Blumen & Pflanzen, Einsamkeit, Erinnerungen, Frühling, Jahreszeiten, Märchen & Fantasie, Natur, Wälder & Bäume, Weisheiten, Winter
An einen Liebenden
Du klagst mir, Freund, daß immer die Mutter noch
Des schönen Kindes gleich unerbittlich sei.
Geduld! noch leben wir im Jänner,
Aber nicht stets wird der Eiswind schnauben.
Im Winkel, wo sich einsam des Daches Trauf
In morscher Rinne sickernd vereiniget,
Hängt mannsdick, zuckerkandelartig
Schimmernd ein sechsfach verwachsnes Monstrum.
Bald wehen laue Lüfte den Frühling her,
Dein Gartenbeet vergoldet der Krokus schon;
Eidechslein sonnen ihr smaragdnes
Kleidchen am bröckelnden Felsen wieder.
Grün wird das Wiesental, und der lichte Wald
Vertieft in Schatten schon sich geheimnisvoll,
Die wilde Taube gurrt, der Jäger
Schmückt sich den Hut mit dem jungen Zweige.
Blieb dann von jenem eisigen Ungetüm
Auch wohl die Spur noch? – Warte den Sommer ab.
Im schlimmsten Fall, o Bester, denke,
Daß noch des Wildes im Forste mehr lebt!
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „An einen Liebenden“ von Eduard Mörike ist eine tröstende und ermutigende Botschaft an einen unglücklich verliebten Freund. Es greift die Klage des Freundes auf, der sich über die Unerbittlichkeit der Angebeteten beklagt, und versucht, ihn mit der Metapher des sich wandelnden Jahreszeitenzyklus zu beruhigen und ihm Hoffnung zu geben. Der Dichter nimmt die anfängliche Klage des Freundes ernst, lenkt den Blick jedoch weg vom momentanen Schmerz hin zu einem breiteren Kontext der Natur.
Die ersten beiden Strophen beschreiben die kalte und unfruchtbare Jahreszeit, den Jänner, und vergleichen die Situation mit einem eisigen Gebilde (Eiszapfen). Dieses „Monstrum“ versinnbildlicht die Verhärtung und Unzugänglichkeit der Geliebten, sowie die Hoffnungslosigkeit, die den Freund im Moment ergreift. Die Sprache ist durch die Beschreibung des „eisigen Ungetüms“ bildhaft und metaphorisch, wodurch die Kälte und Hoffnungslosigkeit der aktuellen Situation verdeutlicht werden. Mörike verwendet Naturbilder, um die Situation zu erfassen, wobei das Eis einen Zustand des Stillstands und der Unmöglichkeit verkörpert.
In den folgenden Strophen 3 und 4 wechselt die Perspektive deutlich. Mörike beschreibt den kommenden Frühling, der mit warmen Lüften, blühenden Krokussen und wiedererwachendem Leben Einzug hält. Die grünen Wiesen, die schattenspendenden Wälder und das Gurren der Taube repräsentieren die Erneuerung und das Aufblühen der Liebe und der Hoffnung. Der Dichter zieht hier Parallelen zum Liebesleben des Freundes: So wie der Winter dem Frühling weicht, wird sich auch die Situation des Freundes verändern. Die Natur dient hier als Quelle der Inspiration und des Trostes.
Die letzte Strophe ist der Höhepunkt der Ermutigung. Mörike stellt die rhetorische Frage, ob von dem eisigen Ungetüm, von der kalten Geliebten, dann überhaupt noch etwas übrigbleibt, wenn der Sommer kommt. Er schließt mit dem Rat, Geduld zu haben, und einer tröstenden Botschaft: Selbst wenn die Liebe unerwidert bleibt, gibt es im „Forste“ immer noch die Möglichkeit neuer Begegnungen, das heißt, es gibt immer noch andere „Wilde“, andere Optionen. Die Verwendung von Naturmetaphern und der Jahreszeitenzyklus symbolisieren die Hoffnung auf Veränderung und die Gewissheit, dass der aktuelle Schmerz nicht von Dauer sein wird. Das Gedicht ist ein Plädoyer für Geduld und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft in der Liebe.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.