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Weihelied zum Ziel und Ende

Von

Herr, Gott, dich will ich preisen,
Solang mein Odem weht,
O hör auf meine Weisen,
O sieh auf mein Gebet.
Bin ich im Himmel oben,
Da lern ich andern Sang,
Da will ich hoch dich loben
Mein ewig Leben lang.

Jetzt laß dir wohlgefallen
Mein treu einfältig Lied
Muß doch ein Kindlein lallen,
Wenn es die Mutter sieht.
Nun hab ich auch gesehen,
Wie du so väterlich,
Will nun nichts mehr verstehen
Als dich, mein Vater, dich.

Ich saß in meiner Kammer,
Sah trüb ins Leben hin,
Die Seele rang in Jammer,
Voll Sorge war mein Sinn;
Da floß ein heilig Sehnen
Mir in das öde Herz,
Da brach mein Blick in Tränen
Und schaute himmelwärts.

Da war dein Himmel offen,
Stern traf in Augenstern,
Mein Glauben, Lieben, Hoffen
Fand Gnade vor dem Herrn.
Das Lied, das ich verschwiegen,
Das Lied, das leis ich sang,
Sah ich die Engel wiegen
In Davids Harfenklang.

Und sah, den ich gerühret
Mit meinem Lerchensang,
Zum Herrn von mir geführet
Auf einem Dornengang.
Er sang mit mir zusammen
Mit selgem Flug und Fall,
In Gottes Liebesflammen,
Trotz Lerch, trotz Nachtigall!

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Gedicht: Weihelied zum Ziel und Ende von Clemens Brentano

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Weihelied zum Ziel und Ende“ von Clemens Brentano ist eine tiefgründige, persönliche Hymne der Hingabe und des Glaubens an Gott. Es beschreibt den Weg des lyrischen Ichs von tiefer Verzweiflung zu einer alles umfassenden spirituellen Erleuchtung und Vereinigung mit dem Göttlichen. Die Struktur des Gedichts folgt einem klaren Weg, der von der Anbetung Gottes über die Auseinandersetzung mit dem Leid bis hin zur ekstatischen Erfahrung der Gnade und des ewigen Lebens führt.

Die ersten beiden Strophen des Gedichts sind von Anbetung und Demut geprägt. Der Sprecher drückt seinen Wunsch aus, Gott zu preisen, solange er atmet, und fleht um die Erhörung seines Gebets. Die Metapher des „Kindlein, das lallen“ im zweiten Strophen, das nach seiner Mutter greift, unterstreicht die kindliche, unschuldige Hingabe des lyrischen Ichs an Gott. Die Betonung der Einfachheit des „treu einfältig Lied“ deutet auf eine bewusste Distanzierung von weltlichen Ansprüchen und eine Konzentration auf das Wesentliche, die reine Gottesliebe.

Der Wendepunkt des Gedichts findet sich in der dritten Strophe, in der das lyrische Ich seine frühere Verzweiflung und seinen Schmerz beschreibt. Die „Kammer“ symbolisiert eine innere Isolation, in der die Seele in „Jammer“ ringt. Doch gerade in dieser Dunkelheit, in dem „öden Herz“, entsteht ein „heilig Sehnen“, das den Blick himmelwärts lenkt. Hier wird der Übergang von der irdischen Not zur göttlichen Erfahrung vorbereitet.

Die vierte und fünfte Strophe beschreiben die Erfahrung der göttlichen Gnade und die Vereinigung mit dem Göttlichen. Der „Himmel“ öffnet sich, und das lyrische Ich erfährt die direkte Begegnung mit Gott, die in einer Vision mündet. Die Engel werden Teil der Erleuchtung, und das lyrische Ich singt mit ihnen. Die letzte Strophe, in der das lyrische Ich sich selbst und den „Er“ (Gott) gemeinsam singend darstellt, gipfelt in einem Zustand der Ekstase, in dem alle irdischen Unterschiede überwunden werden. Die „Liebesflammen Gottes“ symbolisieren hier die alles verschlingende Kraft der göttlichen Liebe, die alle anderen Gesänge übertrifft. Das Gedicht endet mit einer tiefen Erfahrung des Einsseins und der Hoffnung auf ewiges Leben.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.