Mariens Bild
Im kleinen Stübchen, das von ihrer Seele
An reiner Zierde uns ein Abbild schenket,
Sitzt sie und stickt, den holden Blick gesenket,
Daß sich ins reine Werk kein Fehler stehle.
Was ihres Busens keuscher Flor verhehle
Und ihre Hand in stillem Fleiße lenket,
Die Lilie an ihrer Seite denket,
Das Täubchen dir in ihrem Schoß erzähle.
Durchs Fenster sehen linde Sonnenstrahlen,
Die Josephs Bild, das eine Wand bedecket,
Mit ihrem frohen Glanze heller malen,
Und wär der Schein der Taube zu vereinen,
Die sie herabgebückt im Schoß verstecket,
Marie würde Mutter Gottes scheinen.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Mariens Bild“ von Clemens Brentano ist eine poetische Beschreibung eines Andachtsbildes, das die Jungfrau Maria in einer intimen und bescheidenen Szene zeigt. Die Eröffnungsverse etablieren sofort eine Atmosphäre der Reinheit und des inneren Friedens, indem sie das „kleine Stübchen“ beschreiben, in dem Maria stickt, wobei ihr Blick gesenkt ist, um sicherzustellen, dass ihr Werk makellos ist. Das Gedicht konzentriert sich auf Marias innere Qualitäten, wie Reinheit und Hingabe, und stellt sie als Vorbild für Frömmigkeit dar.
Die zweite Strophe erweitert das Bild und offenbart Details, die die Symbolik verstärken. Die „Lilie“ und das „Täubchen“ sind zentrale christliche Symbole, die Reinheit, Unschuld und den Heiligen Geist repräsentieren. Maria ist hier nicht nur eine stille Arbeiterin, sondern auch die Trägerin dieser Tugenden. Das Täubchen, das in ihrem Schoß verborgen ist, deutet auf die Empfängnis des Heiligen Geistes und die bevorstehende Geburt Jesu hin. Die sorgfältige Platzierung dieser Symbole innerhalb der Szene intensiviert die religiöse Bedeutung des Gedichts und erhöht Marias Status.
In der dritten Strophe tritt die äußere Welt in den Fokus, wobei die „linden Sonnenstrahlen“ durch das Fenster fallen und das Bild Josefs, das die Wand bedeckt, erhellen. Diese Gegenüberstellung des Sonnenlichts, das in den Raum eindringt, und des Bildes von Josef, Marias Ehemann, schafft eine Balance zwischen dem Irdischen und dem Himmlischen. Der Schlussvers verbindet diese Elemente zu einer kraftvollen Schlussfolgerung.
Der letzte Vers ist von besonderer Bedeutung, da er die Vision von Maria als Mutter Gottes vollendet. Die Kombination aus dem Licht der Taube und dem Strahlenkranz, der Maria umgibt, lässt sie göttlich erscheinen. Dieses Bild der Transfiguration, bei der Maria in ihrem Moment der inneren und äußeren Hingabe zu einem heiligen Wesen wird, ist der Höhepunkt des Gedichts. Brentano schafft hier eine zarte, aber tiefgreifende Darstellung von Marias Tugenden und ihrer zentralen Rolle im christlichen Glauben.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.