Ich bin nur ein Tropfen
Ich kam aus den Meeren, ich kam aus der Sonne, ich kam aus dem Wind,
Die alle mir Urväter und Mütter sind;
Aus fallenden Zeiten, aus ewiger Nacht ein lallendes Werde,
Ein schillernder Tropfen, ein hilfloses Kind,
Geworfen auf winzigen Fleck der Erde.
Ein Häuflein Jahre des Lebens,
Gefäß des Kummers und freudig flutenden Bebens,
Ein kreisendes Stündlein vor ewiger Zeit.
O halte, Weltanfang und -Ende mich immer in Demut bereit,
Ich kam aus den Meeren, aus Sonne und Wind,
Und bin nur ein Kind.
Ist es nicht immer genug:
Daß dich ein herbstlich verblutender Baum,
Hintaumelnder Vogelflug,
Entzündeter Abendwolken Schaum,
Ein schluchzend einfältiglich Lied,
Das über engende Höfe flieht,
In gottvolle Armut und Nacktheit entrückt,
Unendlich beglückt!
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Ich bin nur ein Tropfen“ von Gerrit Engelke thematisiert die menschliche Existenz in ihrer Vergänglichkeit und die Verbundenheit mit den Naturkräften. Der Autor inszeniert sich als winziger Bestandteil eines größeren Ganzen, eingebettet in den Kreislauf von Entstehung und Vergehen. Das Gedicht beginnt mit einer Aufzählung der Ursprünge des Tropfens: Meer, Sonne und Wind, die als Urväter und Mütter symbolisiert werden. Dieser kosmische Bezug unterstreicht die Vorstellung von der Einheit allen Lebens und der Verbundenheit des Einzelnen mit der Natur.
Im Zentrum des Gedichts steht die Metapher des „Tropfens“, der als „hilfloses Kind“ auf die Erde geworfen wird. Diese Metapher verdeutlicht die Ohnmacht des Individuums angesichts der Unendlichkeit von Zeit und Raum. Der Tropfen erfährt „ein Häuflein Jahre des Lebens“ und wird zum Gefäß von „Kummer und freudig flutenden Beben“. Die Zeile „Ein kreisendes Stündlein vor ewiger Zeit“ betont die kurze Lebensspanne im Vergleich zur Ewigkeit. Der Dichter bittet die Welt um Demut und Bereitschaft, was die Akzeptanz der eigenen Vergänglichkeit und die Hingabe an das Große Ganze impliziert.
Der zweite Teil des Gedichts blickt auf die Schönheit der Welt und die Möglichkeit, in ihr Trost und Glück zu finden. Die rhetorische Frage „Ist es nicht immer genug:“ lädt den Leser ein, die einfachen Freuden des Lebens zu schätzen. Der Autor nennt Beispiele wie einen herbstlich verblutenden Baum, Vogelflug, Abendwolken und ein schlichtes Lied. Diese Bilder stehen für die Schönheit der Natur und die einfachen Emotionen, die uns im Leben begegnen. Die Auflistung soll die Erhabenheit und Vielfalt der Welt verdeutlichen, die den Einzelnen in Demut und Glück versetzen kann.
Insgesamt ist „Ich bin nur ein Tropfen“ ein Gedicht über die menschliche Erfahrung des Lebens, das durch die Metapher des Tropfens zum Ausdruck gebracht wird. Es verbindet die Thematik der Vergänglichkeit mit der Schönheit der Natur und der Möglichkeit, in Demut und Dankbarkeit Glück zu finden. Engelkes Werk wirft die Frage nach dem Sinn des Lebens auf, die er in der bewussten Wahrnehmung des Augenblicks und der Wertschätzung der Welt findet. Es ist ein Plädoyer für ein Leben in Demut, im Wissen um die eigene Endlichkeit und die Schönheit der Welt, die uns umgibt.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.