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Nach neuen Meeren

Von

Dorthin – will ich; und ich traue
Mir fortan und meinem Griff.
Offen liegt das Meer, in′s Blaue
Treibt mein Genueser Schiff.

Alles glänzt neu und neuer,
Mittag schläft auf Raum und Zeit -:

Nur dein Auge – ungeheuer

Blickt mich′s an, Unendlichkeit!

Der du mit dem Flammenspeere
Meiner Seele Eis zerteilt,
Daß sie brausend nun zum Meere
Ihrer höchsten Hoffnung eilt.
Heller stets und stets gesunder,
Frei im liebevollsten Muss –
Also preist sie deine Wunder,
Schönster Januarius!

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Gedicht: Nach neuen Meeren von Friedrich Nietzsche

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Nach neuen Meeren“ von Friedrich Nietzsche beschreibt einen Aufbruch zu neuen Ufern, eine innere Erneuerung und die Sehnsucht nach dem Unendlichen. Es beginnt mit dem klaren Bekenntnis des lyrischen Ichs zum eigenen Willen und zur eigenen Stärke, symbolisiert durch das „Genueser Schiff“, das sich in Richtung des offenen Meeres, der Unbekanntheit, bewegt. Der Hinweis auf Genua könnte auf Nietzsches Verehrung für Entdecker wie Christoph Kolumbus anspielen, der neue Welten erschloss. Das Gedicht atmet Aufbruchsstimmung und den Mut, sich dem Unbekannten zu stellen.

In der zweiten Strophe erfolgt eine überraschende Wendung: Trotz der scheinbar perfekten Umgebung, in der „alles glänzt neu und neuer“ und „Mittag schläft auf Raum und Zeit“, wird das lyrische Ich von einem alles überblickenden „Auge“ fixiert – der Unendlichkeit. Dieses Moment der Kontemplation und der Auseinandersetzung mit dem Ewigen verleiht dem Gedicht eine tiefere Bedeutung. Es ist nicht nur ein Aufbruch in die physische Welt, sondern auch eine Reise in die inneren Weiten der Seele, in denen die Grenzen des menschlichen Verständnisses aufblitzen.

Die dritte Strophe nimmt die Metapher des „Flammenspeeres“ auf, der das „Eis“ der Seele schmilzt. Dies deutet auf eine transformierende Erfahrung hin, die die Seele befreit und sie in die Lage versetzt, der „höchsten Hoffnung“ nachzugehen. Die Sprache wird leidenschaftlicher und deutlicher in ihrer religiösen Konnotation. Nietzsche, der bekanntermaßen die traditionellen religiösen Werte in Frage stellte, scheint hier eine Art von mystischer Erfahrung zu beschreiben, in der die Seele befreit und zu einer neuen Größe gelangt.

In der letzten Strophe erreicht das Gedicht seinen Höhepunkt. Das lyrische Ich wird „heller“ und „gesunder“, befreit von Zwängen und erfüllt von einem „liebevollsten Muss“. Der „Schönste Januarius“ wird als Adressat eines Lobgesangs identifiziert. Januarius ist ein Heiliger, was die religiösen Untertöne des Gedichts weiter verstärkt und es in einen Zustand der Dankbarkeit für eine tiefgreifende innere Wandlung versetzt. Nietzsche verbindet hier also Aufbruch, Sehnsucht nach dem Unendlichen und das Gefühl der Befreiung durch eine Art mystische Erfahrung.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.