Verhaßt ist mir das Folgen und das Führen.
Gehorchen? Nein! Und aber nein – Regieren!
Wer sich nicht schrecklich ist, macht niemand Schrecken:
Und nur wer Schrecken macht, kann andre führen.
Verhaßt ist mirs schon, selber mich zu führen!
Ich liebe es, gleich Wald- und Meerestieren,
mich für ein gutes Weilchen zu verlieren,
in holder Irrnis grüblerisch zu hocken,
von ferne her mich endlich heimzulocken,
mich selber zu mir selber – zu verführen.
Der Einsame
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der Einsame“ von Friedrich Nietzsche ist eine tiefgründige Reflexion über Isolation, Macht, Freiheit und die Suche nach sich selbst. Es präsentiert eine ambivalente Haltung gegenüber sozialen Strukturen und Führungsrollen, indem es das Streben nach Unabhängigkeit mit der Sehnsucht nach Selbstfindung und dem Rückzug in eine innere Welt verknüpft. Der Dichter verabscheut sowohl das „Folgen“ als auch das „Führen“, was auf eine Ablehnung jeglicher Form von äußerer Autorität und Hierarchie hindeutet.
Der erste Teil des Gedichts betont die Ablehnung von Fremdbestimmung und Dominanz. Der Dichter möchte weder gehorchen noch regieren, da dies für ihn untragbare Aspekte des gesellschaftlichen Miteinanders darstellen. Er verkennt die Welt als eine, die Schrecken einjagt und eine Welt, die von Machtstrukturen geprägt ist. Die rhetorische Frage „Wer sich nicht schrecklich ist, macht niemand Schrecken“ unterstreicht die Überzeugung, dass Machtausübung notwendigerweise mit der Erzeugung von Furcht einhergeht. Indem der Dichter diese Haltung ablehnt, distanziert er sich von jeglicher Form von Machtstreben und wählt stattdessen einen Weg der inneren Freiheit.
Der zweite Teil offenbart die Sehnsucht nach Rückzug und Selbstfindung. Der Dichter findet Gefallen an der „holder Irrnis“, dem Zustand der Selbstvergessenheit, in dem er sich wie ein „Wald- und Meerestier“ verlieren kann. Diese Metapher deutet auf einen naturnahen, ursprünglichen Zustand hin, in dem die Bindung an gesellschaftliche Konventionen und Zwänge aufgehoben ist. Die Formulierung „mich selber zu mir selber – zu verführen“ ist zentral, da sie die Selbstverführung als einen Prozess der Selbstentdeckung und Selbstverwirklichung beschreibt. Es ist ein Weg, sich von den äußeren Einflüssen zu befreien und eine innere Wahrheit zu finden.
Die abschließenden Zeilen deuten auf eine aktive und bewusste Gestaltung der Einsamkeit hin, die nicht nur als unfreiwillige Isolation, sondern als Quelle der Inspiration und Selbsterkenntnis verstanden wird. Nietzsche zeigt damit die Fähigkeit, durch den Rückzug in die Einsamkeit neue Perspektiven zu gewinnen und das Individuum von äußeren Zwängen zu befreien. Das Gedicht ist somit nicht nur eine Klage über die Einsamkeit, sondern auch ein Loblied auf die Freiheit und die Möglichkeit der Selbstfindung, die in der Abkehr von gesellschaftlichen Normen und Machtstrukturen liegt.
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Lizenz und Verwendung
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